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The suicide of King Capital

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Warum bringt ein so junger und vielversprechender Rapper sich selber um? Anlässlich des Video-Release von „Herban Legend“, werfen wir ein Blick auf den Selbstmord von Pro Era Rapper Capital Steez.

Es war der 7. Juli 1993, als Brooklyns neuste Rap-Renaissance seinen ersten Atemzug, in der letzten Reihe eines Linienbusses in Flatbush tätigte. Fast 17 Jahre später, es ist März im Jahre 2011, performt Courtney „Jamal“ E. Dewar unter seinem Synonym Jay Steez eine Cypher vor einem kleinen Schnellimbiss in Clinton Hill. Es bildet sich ein pflichtvergessenes Quintett, welches unbeeindruckt von äußerlichen Einflüssen, vor sich hin philosophiert. Getrieben vom Rhythmus der suburbanen Tristesse, entwickelte sich eine poetische Dynamik, von der Joey Bada$$ noch heute behauptet, dass dies die legendärste Cypher war, an der Er jemals teilnahm.

Im Linienbus nach Hause, formte sich zusammen mit Poems Pleasant, ein 17 Jähriger Produzent/DJ, die Idee zur Bildung einer Hip-Hop Gruppe. Steez hatte auch schon einen Namen ausgewählt – Pro Era, die Kurzform von Progressive Era, ein Name welcher die Zeile für die Zukunft klar definierte: Das einläuten einer neuen Epoche in der bewegten New Yorker Rap-Geschichte.

Weniger als ein Jahr später, war die Gruppe auf den besten Weg, diese Epoche erfolgreich einzuläuten. Dewar rappte mittlerweile als Capital STEEZ und hatte sich als dynamischer Lyriker einen Namen gemacht. Ein 19 Jähriger MC mit einem kritischen Geist, einem Auge für Ironie, welcher sein erstes Mixtape „AmeriKKKan Korruption“ veröffentlicht hatte. Joey, zwei Jahre jünger, stieg schnell zum hellerleuchtenden Stern des neumodernen Hip-Hop Radars auf. Der junge Joey Bada$$ wusste durch seine durchdachte Außendarstellung, seinem jungem Alter und seinen lyrischen Fähigkeiten, Fans und die Medienlandschaft für sich zu begeistern. Doch damit Sterne funkeln, müssen wir uns außerhalb der erhellenden Fusion von Helium und Wasserstoff begeben. Diverse Faktoren, wie die Bewegung der Erdatmosphäre oder das Brechen des Lichtes durch Staub, Gase, Wolken etc. ermöglichen das erhabene funkeln des grenzenlosen Himmelszelt.

Pro Era mittlerweile auf eine Größe von 12 Leuten expandiert, fand sich im temporären Zentrum des Hip-Hops wieder. In Flatbush bildete sich ein Ballungszentrum einer neuen progressiven Bewegung, Gruppen wie Pro Era, The Underachievers oder Flatbush Zombies vereinten sich als neue Beast Coast Bewegung, welche von Steez ins Leben gerufen wurde. Am 21. Dezember 2012 veröffentlichte Pro Era ihr erstes Album „ PEEP: The“ aPROcalypse“, auf dem Steez mit 5 Tracks vertreten war. Zwei Tage später wurde Sterz tot auf einer belebten Straße im Manhattan Flatiron District aufgefunden. Der junge Rapper betrat wenige Minuten vor Heiligabend, das Dach des Cinematic Music Group Hauptsitz in Manhattan und sprang in die kalte Dezember Nacht. Sein Körper trieb so weit von dem Gebäude ab, dass er mittig auf der West 23rd Street im Flatiron District aufprallte. Dewar hinterließ keine Notiz oder einen Abschiedsbrief, er schrieb kur vor seinem Sprung, seinen engsten Freunden, dass er sie liebte. Ein paar Minuten vor Mitternacht hinterließ Er seinen Freunden und Angehörigen eine lapidare Nachricht auf Twitter: „The end.“.

Steez Todesursache wurde in Schweigen gehüllt, diverse Musik-Blogs berichteten am nächsten tag über den Suizid aber kaum jemand konnte Informationen liefern. Ortsansässige Zeitungen berichteten erst gar nicht über den Fall und die wenigen, die es taten, konnten es nicht offiziell bestätigen. Einer der talentiertesten jungen Künstler der Stadt, hatte sich im Zentrum von Manhatten, kurz vor Heiligabend das Leben genommen und niemand schien sich sicher zu sein, ob es überhaupt gesehen war. Bis heute gab es keine offiziellen Statements bezüglich des Selbstmords von Capital Stezz, seitens Pro Era.

Was waren die Gedanken, die Capital Sterz beschäftigten und ihn zu dieser „Lösung“ führten?

Dazu gehen wir ein Wenig zurück in der Zeit. Der erste große Durchbruch gelang der lyrisch versierten Gruppierung mit dem Video zu dem Track „Survival Tactics“. Ein Video das innerhalb kürzester zeit die 100K Marke auf Youtube durchbrach. Trotz des jungen Alters der Protagonisten, wussten sie durch stark poetische Fähigkeiten zu überzeugen, insbesondre Steez: „Riding on hoverboards, wiping out motherboards/ Started spitting fire cause my motherfuckin’ lung is scorched/ King Arthur when he swung his sword/ A king author, I ain’t even used a pen in like a month or four.“

Obwohl die Gruppe sich Größtenteils noch im Teenageralter bewegte, bedienten sie einen vermeidlich schon verlorenen Teil des Hip Hops, der gerade das Jazz beeinflusste, avantgardistisch veranlagte Publikum mit der Sehnsucht nachdem 90er Jahre Hip-Hop abdeckte. Eine vielversprechende Zukunft stand bevor.

Als Sohn von jamaikanischen Immigranten, wuchs Dewar mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern auf. Sein Vater verstarb, als er drei Jahre alt war. Seine Freizeit verbrachte er mit Videospielen und dem Rappen über Instrumentals von Limewire. In der High School wurde er als fröhlicher, leicht übergewichtiger junge mit seiner eigenen Weltanschauung beschrieben. Schon vor der Gründung von Pro Era, war ein Großteil der Gruppierung schulisch bedingt, miteinander befreundet. Sie hatten sich schon früh das Ziel gesetzt, die Welt durch Musik zu verändern. Ein grandioses Ziel für Jugendliche, die noch nicht mal 16 Jahre alt sind. Doch Steez hatte schon länger über seinen Platz auf der Welt nachgedacht, unabhängig von der Musik.

Issa Gold, Mitglied des Rap-Duos „The Underachievers“ traf ihn in diesem Zeitraum. Sie sprachen darüber, wie Steez sich als „Indigo“ einordnete – Ein Begriff, der in den 70er Jahren durch „ das Neue Zeitalter“ Prädiger populär wurde. Er beschreibt ihre Mitglieder als hyper Intelligent, mit einer höheren Erkenntnis ausgestattet und einer Abneigung gegenüber Autorität.
Als Steez seine spirituellen Ansichten weiter ausarbeitete, begann er ein eigenwilliges persönliches Glaubensystem aus Elementen der „New Age“ Spiritualität, ägyptischer Mystik und Numerologie aufzubauen. Beeinflusst durch die Youtube Serie „Spirit Science“, begann Steez über australes projizieren, Aurafelder, Gestaltveränderung, Synchronität und das sicherstellen der Öffnung des dritten Auges, zu reden.

Auf die Frage eines Freundes, warum er so gut rappe, entgegnete er: „Mein Chakra ist offen, darum geht es.“. Capital Steez war durch regen Marihuana Konsum bekannt und verwendete Pilze um sich „mit der Welt zu verbinden“. Sein übermäßiger Drogenkonsum gepaart mit seiner eigenwilligen Sichtweise auf Spiritualität führten zu einer starken Depression. Zu seiner Lebenszeit war er für seine Obsession für die Nummer 47 bekannt (welches das Jahr ist, in dem der Tag des jüngsten Gerichts in der Rastafari-Bewegung kommt). Sein Vertrauen in diesen Tag, ließ ihn glauben, das sein Ableben auf dieser Erde nicht das Ende von allem sei und ihm eine Tür in ein neues ich öffnet, welches nur wenige Menschen in Anspruch nehmen könnten – dieses Denken weckte ebenfalls eine starke Schizophrenie in dem jungen Geist des Rappers.

Die Tage vor seinem Tod, verbrachte Steez zurückgezogen und verstört. Sein letzter Auftritt war am 12. Dezember 2012 in Williamsburg. Der Auftritt verlief nicht gut – Steez war betrunken und sichtlich enttäuscht von seinem Auftreten – und verließ die Bühne frühzeitig. Ein paar Tage später bei einem Videodreh, teilte er seinem Manager mit, dass er mit der der Rap-Industrie abgeschlossen hätte und kapselte sich laut Freunden komplett von der Außenwelt ab. Ihn kümmerte nichts mehr und zeigte kein Interesse an jeglicher Interaktion mit Freunden oder Familie. Am 21.12.2012, der Releasetag des Pro Era Mixtape, erzählte Steez seiner Mutter, dass Er Angst vor polizeilichen Untersuchungen hätte, aufgrund von 47 Stickern, die er zuvor in der Stadt verteilt hatte. Die einzige Lösung für seine Situation, sah er darin ,sich selbst zu verletzen. Seine Mutter verneinte dies vehement. Der Rest ist Geschichte.

Auch wenn Steez keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat, kann sein Track „Dead Prez“ als poetische Abschiedsgruß angesehen werden. Ein wunderschöner Rap-Song der Wechsel zwischen jugendlicher Nostalgie und den Eintritt in das Erwachsen sein thematisiert. Das Thema ist zweideutig und kann verschieden interpretiert werden, je nachdem wie man es hört. Eine klangliche Illusion mit dem Plädoyer an Authentizität. Mit Referenzen von Rappen die ebenfalls jung verstarben – 2pac, Biggie und Eazy-E – Er endet das Stück mit der Aussage, dass Er den Tod vorziehen würde, als das er sich verkaufen würde: „Some people like to compromise for the dollar sign, but I had my mind aside/ I told Jack from the get that I’mma ride or die/ And I’d rather die by homicide/ Instead of goin’ out without a pride. He ends the track sounding weary of life, and wistful for his childhood with Jack. But I remember back in the days/ When we was goin’ through that Torch and Excalibur phase.“

Capital Steez von uns gegangen aber niemals vergessen.

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