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Stream & Review: J. Cole – 2014 Forest Hills Drive

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Nachdem ich mich zu Genüge über voreilige Reviews in meinen Childish Gambino Review echauffiert habe, werde ich auch dieses Album Track für Track durchgehen und meine Ersteindrücke niederschreiben. Vorschnelle Bewertungen von Alben zerstören die Hip-Hop Kultur, hieß es damals in einem Tweet von J. Cole. Je mehr ich über seine Aussage nachdachte, desto mehr wurde mir klar, dass es nicht die “First-Listen-Reviews“ sind, die Hip-Hop oder im generellen Musik zerstören – nicht ganz. Für jeden gibt es ein erstes Hören, ungeachtet ob Fan oder Kritiker. Dabei bilden wir uns unmittelbar eine erste Meinung, was völlig normal ist und nicht verwerflich. Was mich stört, ist die Tatsache, dass diese erste Meinungsbildung in diversen Magazinen als langfristige Analyse oder als endgültiges Statement suggeriert wird. Dies habe ich schon vermehrt auf größeren Seiten wie beispielsweise Hypetrak.com beobachten können.

Hier sitze ich also nun, mit einem neuen J. Cole Album in meinen Kopfhörern. Es ist ein interessanter Zeitpunkt, um ein Album wie 2014 Forest Hills Drive zu veröffentlichen. Die kritischen Stimmen sind, in der nach Conscious Rap ächzenden Hip-Hop Wüste, nachdem kommerziellen Erfolg von Born Sinner, im Sande versickert. Der gebürtige Frankfurter hat einen weiteren Schritt Richtung Elite getätigt, fragt sich nur auf welchem Level? So gut wie jeder Künstler behauptet heutzutage, dass Er der beste Rapper seiner Generation sei und es gibt genug Fangemeinden, die das gleiche denken. Jedoch fehlen Cole die Verkaufszahlen eines Drakes und Er veröffentlichte auch noch kein Album, welches die Bezeichnung Klassiker bekleidet, wie “Good Kid, M.a.a.d. City”. Cole möchte, dass die Leute ihn lieben wie sie einst Pac liebten. Könnte 2014 Forest Hill das Album sein, welches ihn in diese Sphären hievt?

Ich bin mehr als euphorisch, die Antwort auf diese Frage zu hören. Das Telefon ist ausgeschaltet so wie alles andere auf meinen Computer, mit der Ausnahme von iTunes und einem Word-Dokument. Nichts anderes als Jermaine, Forrest Hills Drive, die Kopfhörer und meine Tastatur, werden mich die kommende Stunde beschäftigen. Bevor ich noch sentimental werde, starten wir mit dem ersten Track.

“Intro”
Leiser Gesang und sanfte Klavierakkorde läuten das Intro ein, es wird schnell klar das uns ein wirklich persönliches Album erwartet. Das ist kein Intro, welches erstaunliche Rap-Skills bezeugen möchte, es zementiert einzig die Tatsache das Cole in der Lage ist ein fantastisches Album zu schaffen. Es ist die gleiche “Herzschmerz Stimme“ die wir auf dem Ferguson Track hörten. Das Cole ein Gespür für gute Intro Tracks hat, ist uns schon länger bewusst. Ein stimmiges Intro, welches Lust nach mehr schürt.

“January 28th”
Ein Beat so smooth wie das Hinterteil von Kim Kardashian, vor den diversen OP‘s wohlgemerkt. Diverse ineinandergreifende Instrumentale und eine schöne Referenz zu Johnnie Cochran, dem Anwalt von O.J. Simpson. Mit der Hook bewegen wir uns wieder in Richtung Intro, Cole zeigt was Er gesanglich im Kinderchor gelernt hat, haut mich zwar nicht wirklich vom Hocker, schlimm finde ich es aber nicht. Der Track hat einen inspirierenden und motivierenden Vibe. Ich hätte absolut nichts gegen ein komplettes Album in diesem Stil. Das Gerede über das Leben eines schwarzen Mann, welches Coles Tracks bis dato sehr prägten, kriegen viel mehr Brisanz und Power nach Fällen wie dem von Eric Garner.

“Wet Dreamz”
Ein weiterer sehr smoother Beat, ein bisschen Soul Sample Shit à la 9th Wonder. Man hört förmlich die gedrückten Pads auf dem MPC. Mittlerweile gehen wir die nostalgische Route, die Zeiten in der weiterführenden Schule, in der man versuchte nicht dabei erwischt zu werden, wie man gerade diebisch auf die Gazongas von [Name einfügen] starrte. Doch nach meinen Street Harassment Artikel sollte ich mich vielleicht überlegter äußern, um nicht endgültig als chauvinistischer Schelm abgestempelt zu werden. Wo waren wir noch mal? Achja genau. Sicher passt der Song nicht ganz in das Schema der letzten zwei Songs aber wenn der Track mich auf eine Reise in die Vergangenheit nehmen wollte – Mission accomplished Jermaine. Besonders der Twist am Ende hat mir gefallen, auch wenn ich mich ein wenig naiv fühle, dass ich ihn nicht habe kommen sehen – sprichwörtlich. Nun gut, das ist offiziell der größte Rap-Song über den Verlust der Jungfräulichkeit in der Hip-Hop-Geschichte und nein ich bin nicht in der Lage einen anderen Song zu nennen, der die Thematik aufgreift.

“03 Adolesence”
Zurück zu den Violinen, zu den vorherigen sanften Klängen. Keine harten oder schnellen Elemente bis jetzt, was mir durchaus gefällt. Es gibt dem ganzen Projekt einen Art träumerischen Vibe. Es haut mich zwar nicht aus den Socken aber immerhin krieg ich meine Phrasen ganz gut unter. Vielleicht auch ein Track, der weiter hinten auf der Tracklist besser positioniert wäre aber wer bin ich schon, dass ich das beurteilen könnte. Es ist die vielmals erzählte Geschichte: Cole versucht das Leben auf der Straße zu Leben aber eine höhere Macht meint es gut mit ihm. Ob die Geschichte so stimmt? Man weiß es nicht. Ein Track der die inspirierende Komponente der vorherigen Songs aufgreift.

“A Tale of  Two Citiez”
Now we talking! Der “Worst Behavior” Vibe lässt sich definitiv nicht bestreiten besonders wenn man auf den Bass achtet. Von dem Beat her hat das durchaus sogar Club-Potential, es wird schwer, diesen Track nicht auf Dauerschleife zuhören. Vielleicht sagt es auch etwas über die Musik aus, die ich wirklich hören möchte aber wollen wir nicht alle etwas zum Kopfnicken? Leider hat mich der Beat so gepackt, das ich mich nicht auf die ersten Zeilen konzentrieren konnte. Diese “hands in the air” Hook hat Live auf jeden Fall Hymnen Potential. Was mir leider fehlt, ist die Intensität in Cole‘s Stimme, dieser Beat muss mit einer gewaltigen Stimme oder mit etwas mehr audiovisueller Wut gefüttert werden. Ich muss Schoolboy Q auf diesen Beat hören, bevor ich sterbe.

“Fire Squad”
Habt ihr das gehört? Für eine Sekunde dachte ich, der Track greift den Beat von Tyler, The Creator‘s “Beamer” auf. Mittlerweile nimmt das Album etwas Schwung auf, es kristallisiert sich ein exzellentes Road Trip Album heraus. Die Intensität in seiner Stimme, die ich zuvor so sehr vermisste, lässt Er hier teilweise aufblitzen. Ein Track der diese Intensität über die ganze Zeit aufrecht erhält, wäre etwas was ich mir zu Weihnachten wünschen würde. Wie auch immer, dies ist der Track über den jeder Hip-Hop Blog berichten wird. Eine Offensive gegen die weiße Gentrifizierung in der heutigen Hip-Hop Kultur, die explizit Iggy und Eminem anspricht. Auch wenn ich in weiten Teilen mit ihm übereinstimme, gefallen mir ein paar Zeilen ganz und gar nicht aber das wäre jetzt zu viel des guten.

“St. Tropez”
Wer auch immer an das Album abgestimmt hat, hat einen hervorragenden Job gemacht. Mein Lieblings Beat bis jetzt, jetzt muss nur noch Cole liefern. Er steigt wie schon zuvor gesanglich ein, was mich nicht wirklich stört. Erinnert ein wenig an Mos Def, was durchaus ein gutes Zeichen ist. Der Track hat keine wirkliche Struktur, keine Kernaussage aber vielleicht ist gerade das der Punkt. Eine Story hätte dem Ganzen vielleicht noch eine schöne Note verliehen aber ich bin zu sehr von der musikalischen Qualität beeindruckt, als das es mich stören würde. Sehr guter Track.

“G.O.M.D.”
Ok vergesst was ich zuvor gesagt habe, die ersten ‘Oh Shit‘ Gesichtsentgleisungen machen sich bemerkbar. Dieser Beat, der Bass und die Drums. Plötzlich ein Wechsel, vom Soul Sample zum tiefen Bass, wer ist das bei der Hook? Die Ying Yang Twins? Aus dem nichts kommt die Herzschmerz Stimme, das ist zu viel für mich. Ich glaub diesen Track muss ich mir zwanzig mal anhören, um wirklich alles richtig einordnen zu können. Das ist so, als ob dir jemand eine Platte mit leckerem Essen hinhält, du zwei Bissen nimmst und dir die Platte wieder entzogen wird. Aus dem Nichts kommt die zweite Platte mit anderen köstlichen Sachen aber ich brauch auch einfach mal etwas Zeit zum kauen. Was zur Hölle ist da in den letzten fünf Minuten meines Lebens passiert? Das ist so als ob vier verschiedene Songs eine Orgie gefeiert. Kann man nur zu applaudieren.

“No Role Modelz”
Wie oft Cole in diesem Track wohl “Bitch” sagen wird? Es klingt so gezwungen, besonders nach der “Before I started calling bitches bitches so heavily.” Line. Es scheint so, als ob Er diese Line zu erst geschrieben hat und mehr “Bitches” zu den vorherigen Zeilen hinzugefügt hat, damit es irgendwie funktioniert. Irgendwas gefällt mir das nicht, was wirklich schade ist, da der Beat wirklich grandios ist und über „hat Potential“ hinaus geht. Ein George Bush Sample, ich frage mich wie Er das rein rechtlich geklärt hat, um es auf seinem Album zu verwenden. Irgendwie werde ich noch nicht ganz warm mit dem Track aber vielleicht gibt sich das nach mehrmaligen hören.

“Hello”
Zurück zum Klavier. Ich muss sagen, dieses Album hat mich kalt erwischt. Ich weiß nie, was mich auf dem nächsten Track erwartet, ein Zustand der mir zu gefallen weiss. Das schnelle Klatschen und die vielen Instrumentals, das ist gerade etwas viel und zu schnell meiner Meinung nach. Ein Experiment, was bei mir noch nicht gefruchtet hat, die Betonung liegt auf noch.

“Apparently”
Mehr Gesang und noch mehr Piano. Cole singt wie ein verrückter, baut Rap-Elemente ein und tut dies mit einer gewissen Selbstverständlichkeit. Er sang schon immer aber jetzt ist Er auf seinen Soul/R&B Shit aber nicht die Art von R&B, die dich von alleine entkleidet – nein! Die Hook ist extrem eingängig aber nicht verbunden mit all den negativen Konnotationen, die das Wort eingängig mit sich bringt. Der Song weisst eine gewisse “Dear Mama” Atmosphäre auf. Ein paar Sekunden später, spricht Er über zwei “Bitches” auf seiner Trompete – Happy Birthday Mama! Zum Ende des Songs, zeigt sich wieder mal die bis dato hervorragende Produktion und Instrumentierung.

“Love Yourz”
Es tut mir leid aber ich habe mich in dem Track verloren. Ich wollte keine Zeile verpassen, was wohl das beste Kompliment für einen Künstler ist. Einige wirklich originelle Kommentare zum Konsumismus. Wenn Track 13 nicht J. Coles “New Slaves” ist, definitiv mein Liebslingstrack.

“Note To Self”
Ganze 15 Minuten geht der Track aber ich bin bereit Sie zu investieren, dass hat sich Jermaine redlich verdient. Du hast meine volle Aufmerksamkeit. Erinnert stark an Marvin Gaye von der Atmosphäre. Der 70‘er Jahre Soul Vibe lässt sich nicht verleugnen. Ab jetzt hören wir nur noch einen Monolog und ein paar Danksagungen. Seine Sicht bezüglich Samplings stimme ich absolut nicht überrein aber das ist ein Thema, was ich hier nicht ansprechen möchte.
Ok kurz durchatmen. Ich war nie wirklich ein Riesenfan von Cole aber das Album hat meinen Respekt bezüglich Jermaines Arbeit auf eine andere Ebene gehievt. Was mich an J. Cole stört oder besser gesagt, was mir fehlt ist der Wille die Musik-Szene zu ändern, innovativ zu sein. Forest Hill Drive ist künstlerisch durchaus mutig. Zumindest hat Er sich nicht unter Druck setzen lassen, und das Album Label- und das Radiofreundlich gestaltet, so wie Er es bei Cole World tat. Nur die Zeit wird zeigen, ob meine Beziehung mit Forest Hill Drive auf der jetzigen Basis beruht oder ob sich so etwas wie Liebe entwickeln kann. Cheers!